60er – 90er Jahre

1bfgncfvBis in die ausgehenden 80er Jahre wird die Partnerschaftsbewegung zwischen Rheinland-Pfalz und Burgund durch die Gründung zahlreicher Einzelpartnerschaften gekennzeichnet sein. Die Verbindung von Städten und Gemeinden, Kindergärten, Schulen und Universitäten, Vereinen, Verbänden, Kammern und Medien, Museen, Theatern, Chören und Orchestern lässt sie zu einer Partnerschaft „von unten“, einer Verbindung der Menschen in beiden Regionen werden. Hier liegt auch der entscheidende Unterschied zu den in den späteren Jahren gegründeten Partnerschaften zwischen Bundesländern und französischen Regionen.

Eine herausgehobene Stellung im Kreis der oben genannten Verschwisterungen nimmt der Landessportbund (LSB) und die eigens zu diesem Zweck gegründete Association Bourguignonne des Sports (ABS) ein. Die beiden Organisationen haben es sich seit 1962 zur Aufgabe gemacht, nicht nur Menschen mit gleichen Interessen zusammen zu führen, sondern auch im großen Stil Sprachanimation zu betreiben und durch hervorragend vor- und nachbereitete Seminare den multikulturellen Austausch und den Abbau von Vorurteilen voranzutreiben. Seit 1988 bzw. 1991 werden die Begegnungen von LSB und ABS auch mit Teilnehmern aus Spanien und Ungarn durchgeführt.

In den 90er Jahren erfuhr die Partnerschaftsbewegung zwischen Rheinland-Pfalz und Burgund neue Akzente. Zum einen entschieden sich nach der Öffnung des Ostblocks zahlreiche Gemeinden zu Dreierpartnerschaften mit Städten und Gemeinden in Polen, Ungarn, Tschechien und Rumänien. Hinzu kamen Dreierverbindungen mit Städten und Gemeinden der neuen Bundesländer und anderer EU-Staaten. Der Lehrlings- und Praktikantenaustausch – Schlosser, Bäcker, Köche, Winzer, Klempner etc. – wurde spürbar ausgeweitet. Das wachsende Interesse an den Strukturen des Partnerlandes zeigt sich im Austausch von Verwaltungsbeamten und Bankangestellten u. a. In einigen Kommunen werden themenbezogene Treffen (Umwelt- u. Abwasserfragen, Müllbeseitigung, Soziale Belange) organisiert. Auch Ausschüsse und Arbeitskreise des Landtags haben sich mit ihren Kollegen des Conseil Régional zu ähnlichen Fragen ausgetauscht.

Äußere Zeichen für die veränderte Qualität der Partnerschaft, die die Versöhnung als ‚Fait accompli‘ voraussetzt, sind das Abkommen zwischen dem Landtag Rheinland-Pfalz und dem Conseil Régional de Bourgogne aus dem Jahr 1987 (A) und die Aktualisierung des Partnerschaftsvertrages aus dem Jahr 1962 durch die Regierung von Ministerpräsident Kurt Beck im Jahr 1997 (B).

Hier heißt es (A):

„Am 14. Juni 1987 kommen der Regionalrat von Burgund und der Landtag von Rheinland-Pfalz überein, mit dieser Partnerschaftserklärung die schon bestehenden Bande gegenseitiger Achtung und Freundschaft zwischen Burgund und Rheinland-Pfalz noch enger zu knüpfen. Sie bekunden durch diesen feierlichen Beschluss ihren gemeinsamen Willen, alles zu unternehmen, damit die von ihnen vertretenen Menschen sich zum besseren gegenseitigen Verständnis näher kennen lernen können, einen wirksamen Beitrag zum Aufbau Europas zu leisten und dieselben demokratischen Werte zu verteidigen. Sie versprechen, Möglichkeiten zu Kontakt und Austausch der Bevölkerungen und ihren gewählten Vertretern in allen Bereichen, besonders auf wirtschaftlichem, kulturellem und sozialem Gebiet, anzuregen und zu unterstützen. So haben sie die Gewissheit, den Interessen ihres Landes bzw. ihrer Region, ihrer gemeinsamen europäischen Aufgabe wie auch der Sache des Friedens unter den Nationen gerecht zu werden.

  1. Vor dem Hintergrund der am 26. Juni 1962 offiziell bestätigten Partnerschaft zwischen Rheinland-Pfalz und Burgund erklären die Unterzeichner ihre Absicht, künftig ihre Zusammenarbeit vor dem Hintergrund eines Europas der Regionen weiter zu intensivieren.
  2. Die europäische Bedeutung der Regionen und Länder bekommt eine neue Qualität. Dabei ist wichtig, dass bestehende Partnerschaften zwischen Rheinland-Pfalz und Burgund mit anderen Regionen zusammengeführt werden, um im europäischen Verbund bei gemeinsamen Anliegen mit einer Stimme sprechen zu können. Deshalb sollen die zukünftigen Überlegungen zur Zusammenarbeit die Kontakte von Rheinland-Pfalz und Burgund zu dritten Partnerregionen in der Europäischen Union sowie derjenigen Regionen, die einen Beitritt zur Europäischen Union beabsichtigen verbunden werden, um Synergieeffekte zu schaffen.
  3. Die Zusammenarbeit soll sich künftig vor allem auf konkrete Projekte zwischen dem Land Rheinland-Pfalz und der Region Burgund, insbesondere in den Bereichen Wissenschaft, Ausbildung, Kultur, Technik und wirtschaftliche Entwicklung beziehen. Der Schwerpunkt der Zusammenarbeit soll hierbei zum einen auf Projekte gelegt werden, die für und durch Jugendliche erarbeitet werden, sowie auf Projekte der Bürgerinnen und Bürger unserer Regionen. Die Unterzeichner erklären daher ihre Absicht, die dieser Erklärung als Anlage beigelegten bereits begonnenen und für die Zukunft geplanten Projekte der Zusammenarbeit im Rahmen ihrer Möglichkeiten gemeinsam zu unterstützen, um hierdurch den Kontakt und den Austausch zwischen den Menschen der Regionen in Europa zu fördern.“

Fruchtbarer als alle wohl gemeinten schriftlichen Abkommen aber sind für jeden Bürger sichtbare äußere Zeichen. Diese wurden 1990 bzw. 1994 durch die Gründung der Häuser Rheinland-Pfalz in Dijon und Burgund in Mainz gesetzt. Als Kulturzentren, Begegnungsstätten und Vermittlungsbüros sind sie Anlaufstellen für jeden Einzelnen, aber auch Orte, wo sich eine Region dem Partner vorstellt. Durch die Eröffnung von Praktikantenvermittlungsbüros in den beiden Häusern im Jahr 1998 kam die in den ausgehenden 90er Jahren so wichtige Komponente der Verbesserung der beruflichen Chancen für junge Menschen hinzu.

Nach der Schwelle zum 21. Jahrhundert kann für die über 50-jährige Partnerschaft zwischen Rheinland-Pfalz und Burgund positiv festgehalten werden, dass die Mehrzahl der 135 Städte- und Gemeindepartnerschaften und der mehr als 60 institutionellen Partnerschaften lebendig ist. Landtag, Landesregierung und Conseil Régional de Bourgogne stehen in regelmäßigem fruchtbaren Kontakt. Die integrierten Studiengänge und die Austausche der Universitäten werden von Lehrenden und Lernenden gleichermaßen gut genutzt.

Die Mehrzahl der über 100 bestehenden Schulpartnerschaften führen regelmäßige Austausche durch. Durch Stipendienvergabe der beiden Regierungen findet lebhafter Künstleraustausch statt. Schließlich wurden durch die beiden Häuser „ständige Vertretungen“ geschaffen, die die Verbindung täglich sichtbar machen. Rheinland-Pfalz und Burgund – vor mehr als 40 Jahren „Pioniere für Europa“ – heute lebendiges Zeichen für ein immer enger zusammenwachsendes Europa. Um die Zukunft dieser einmaligen Verbindung zweier Kernregionen mitten in Europa muss man sich trotz der – fast – nur positiven Bilanz ein wenig Sorgen machen.

Denn noch sieht die Jugend wenig Grund sich für diese Beziehungen zu engagieren. Junge Burgunder sind für gleichaltrige Rheinland-Pfälzer ganz normale europäische Mitbürger, deren Sprache man nicht einmal bevorzugt lernen mag, da sie ja auch ausreichend Englisch lernen. Das Aussterben der Gründergeneration, die die Versöhnung der beiden Völker vollzogen hat und der Rückgang der beiden Partnersprachen stellen uns vor neue Herausforderungen. Viel ist erreicht, es bleibt aber ebensoviel zu tun, um es zu erhalten.